Aus dem Internet-Observatorium #12

Wendungen der Desinformationskrise

Liebe Internet-Beobachtende,

vielen Dank fürs Öffnen und die Aufmerksamkeit, hier kommt Ausgabe #12.

Thema der Woche: Wendungen der Desinformationskrise

Der Ursprung des Ausdrucks “Fake News” ist heute fast vergessen. Denn der Urheber war eben nicht Donald Trump. Nach der US-Wahl 2016 waren es traditionelle Medien, die damit die Mobilisierung der Trump-Wähler durch irreführende (Facebook-)Meldungen meinten. Damals warnte John W. Herrman:

“This wide formulation of “fake news” will be applied back to the traditional news media, which does not yet understand how threatened its ability is to declare things true, even when they are.”

So kam es. “Fake News” wurde zum Schlachtruf der Trump-Bewegung und darüber hinaus. Anlässlich einer Verhaftung von malaysischen Aktivisten wegen “Fake News” habe ich 2018 mal versucht, die unterschiedlichen Funktionen des Begriffs zu definieren:

(1) Identifikation von Falschnachrichten/Falschinformationen

(2) Signalwort an das Publikum/die Anhängerschaft, bestimmte Informationen zu ignorieren

(3) Politischer Vorwand, um Zensurgesetze zu verabschieden

Sam Gregory von der Organisation Witness warnt nun vor etwas Ähnlichem in der DeepFake-Debatte: Politische DeepFakes gibt es bislang kaum. Vielmehr wurde die Technologie für Mobbing - vorwiegend im Kontext Porno-Montagen - eingesetzt. Dennoch ist die Technik in der Welt und bietet autoritären Regierungen die Möglichkeit, echtes Augenzeugen-Material als falsch zu diskreditieren

Gregory erklärt, wie Akteure aus Journalismus und Aktivismus in Myanmar ihre Sorge beschreiben, dass sie eben nicht nur falsche Gerüchte zerstreuen müssen (also “Fake News”), sondern immer stärker damit beschäftigt sein werden, die Echtheit echten Materials zu beweisen, um es gegen „Fake-News“-Vorwürfe der Obrigkeiten zu verteidigen.   

Ich bin kein Anhänger von Russland-Verschwörungen und sehe deshalb den Putin-Berater und ehemaligen Theatermenschen Wladislaw Surkow nicht als “Mastermind”. Aber seine Idee des “Theaters ideologischer Konfusion” ist weiterhin hilfreich, um das Leben in einer solchen Welt zu beschreiben. Am Tag vor der US-Wahl 2016 hatte ich das Thema einmal angerissen:

“Im Falle von Surkow war dieses Theater häufig profan  – er unterstützte zum Beispiel Neonazi-, aber auch Anti-Neonazi-Gruppen finanziell, niemand wusste, wo der Staat seine Hände gerade im Spiel hat. Der Einzelne fühlt sich so in einer „falschen Welt“ gefangen, in der alles unscharf ist und hinter jeder Tür eine weitere wartet.”

In dieser Welt des Zweifels, in dieser Realitätskrise leben immer mehr Menschen. Elizabeth Seger vom Leverhulme Centre for the Future of Intelligence fordert deshalb, Themen wie “nationale Sicherheit” oder “Cybersicherheit” auch die “epistemische Sicherheit” gleichberechtigt zur Seite zu stellen. Denn wenn wir uns nicht auf grundsätzliche Fakten einigen können, können wir uns auch nicht darüber einigen, wie eine gemeinsame Zukunft aussehen kann. Und mit Fakten ist hier tatsächlich gemeint: Etwas ist passiert oder nicht.

Gegenmaßnahmen zu finden, ist komplex. Kevin Roose fordert die Biden-Regierung zum Beispiel auf, einen “Realitäts-Zar” einzuführen. Was ziemlich nach Wahrheitsministerium klingt. Auch andere institutionelle Lösungen - zum Beispiel eine Bundeszentrale für digitale Aufklärung - würden womöglich sehr schnell unter Verdacht stehen, Regierungshaltungen zu propagieren. Und wie beim NetzDG würden autoritäre Regierungen ihre eigenen Versionen solcher “Vorbilder” umsetzen. 

Selbst die Idee, bei Jugendlichen ein “Mehr an kritischem Denken” zu fördern, hat sich als Irrtum herausgestellt, wie Mike Caulden jüngst anmerkte.

Vielversprechender ist es offenbar, die Aufmerksamkeit besser zu balancieren, um Quellen schneller einschätzen zu können und sie im Zweifelsfall einfach hinter sich zu lassen.

Die Verteidigung der Restrealität ist eine Jahrhundertaufgabe, befürchte ich. Der Online-Kulturkampf zeigt, wie auch vernünftige Menschen Fakten nur dann heranziehen, wenn sie der Verteidigung der eigenen Weltsicht und des eigenen Stammes dienen. 

Realität entsteht ebenso vernetzt wie die Hierarchie, die über ihre Deutung bestimmt (siehe Ausgabe #01). Die frühe Hoffnung des Webs, das dies ein demokratisierendes Element wird, hat sich insofern erfüllt, als Deutungshoheit tatsächlich von „vielen“ statt von „wenigen“ ausgeht. Aber es handelt sich nicht um einen deliberativen Prozess

Die verhaltenspsychologische Optimierung der Plattformen, die Messbarkeit von Status, die Verfeinerung von Verhalten und Inhalt im Sinne von Datenbank-Mechaniken wie Viralität haben eine gigantische menschlich-maschinelle Dynamik ausgelöst. Sie sich mit Hilfe der richtigen Instrumente zunutze zu machen, verspricht eine Macht über die Wahrnehmung, die eher an Sektenführer als an die Sowjetunion erinnert.


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#DeepFakes Apropos DeepFakes: Auf TikTok machte vor wenigen Tagen ein DeepFake-Video mit einem täuschend echten “Tom Cruise” die Runde. Allerdings war das Originalvideo mit einem Tom-Cruise-Doppelgänger aufgenommen worden, die Bearbeitung dauerte viele Wochen.

#Tracking Google hat angekündigt, klassisches Werbetracking über Drittpartei-Cookies zu beenden und sie auch nicht durch neue Identifizierungs-Mechanismen zu ersetzen. Die Firma hatte jüngst große Zielgenauigkeit mit der Technologie “Federated Learning of Cohorts” (FLoC) vermeldet. So wie ich es verstehe, erstellt FLoC Muster des Nutzerverhaltens, ohne aber direkte persönliche Informationen zu sammeln. Anhand der Ähnlichkeiten der Muster spielt der Google-Adserver dann erfolgsversprechende Werbung aus.

#Huawei-Strategiewechsel Nachdem das Smartphone-Geschäft unter Druck ist, baut Huawei sein Machine-Learning-/Gesichtserkennungsgeschäft aus. Zum Beispiel im Bereich digitalisierter Schweinemast-Logistik und Bergbau-Automatisierung. Zuletzt war Huawei wegen Gesichtserkennungsprojekten in Xinjiang in der Kritik.

#Nostalgie MyHeritage ermöglicht es jetzt, Gesichter auf alten Familienfotos zu animieren und so “zum Leben zu erwecken”.


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Die Technology Review hat ihre jährliche Liste veröffentlicht: Zu den Tech-Trends des Jahres gehören unter anderem digitale Kontaktverfolgung, GPT-3, Daten-Treuhandsysteme, der TikTok-Algorithmus und multimodale “Künstliche Intelligenz”.

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Der Economist argumentiert, dass wir in eine neue Phase der Digitalkonzern-Rivalitäten eintreten, die zu Konkurrenz und - oha! - mehr Wettbewerb führen wird.

My Year of Grief and Cancellation

Die Autorin des damals sehr bekannten Tumblrs “Your Fave Is Pr0blematic” beschreibt, wie hinter ihrer prominenten Rolle im Siegeszug der Shaming-Kultur eine eigene Lebenskrise steckte.


Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und bis Ausgabe #13!

Johannes

(Foto: Windell Oskay, CC BY 2.0)