Aus dem Internet-Observatorium #161
Unternehmen als Rechenzentren / AGI und der Arbeitsmarkt / Überall Psy-Ops
Hallo zu einer neuen Ausgabe!
Dieses Mal: Drei Stücke, die aufeinander aufbauen und sich mit der KI-Entwicklung im Kontext Arbeit auseinandersetzen (und der Frage, aus welcher Perspektive diese Entwicklungen vorhergesagt werden). Dazu: PsyOps in der PR rund um den Irankrieg, PsyOps rund um den Erfolg von “Geese”. Viel Spaß beim Lesen! Aber erst einmal wärmstens ans Herz gelegt:
Appetizer aus dem Tagesspiegel Background
BfDI-Nachfolge: Die Position Datenschutzbeauftragte/r ist nach dem angekündigten Rückzug von Louisa Specht-Riemenschneider neu zu besetzen. Wie der Stand der koalitionsinternen Gespräche ist, warum der BNetzA-Chefposten eine Rolle spielt und wer derzeit gehandelt wird: Christiane Rebhan berichtet.
KI-Agenten und der AI Act: Als der AI Act verabschiedet wurde, waren KI-Agenten noch Zukunftsmusik. Passt der Rahmen also für die neue Welt autonomer Hilfsprogramme? Alexandra Ketterer analysiert.
Deutschland-App: T-Systems und SAP sollen den Prototypen für die Deutschland-App bauen. Nicht nur die Wahl der altbekannten Akteure wirft Fragen auf, sondern auch Überschneidungen mit anderen Projekten. Viola Heeger, Oliver Voß und Bastian Hosan mit den Details.
Wie notwendig sind die Roll-In-Teams? Expertenteams sollen die Umsetzung der OZG-Leistungen in den Kommunen Hessens, Bayerns und Niedersachsens aktiv begleiten und so die Projekte beschleunigen. Aber wie notwendig ist ihr Einsatz eigentlich? Benjamin Hilbricht hat die Antwort.
Gründen in 24 Stunden: Das große Versprechen der Schnellgründung ist gar nicht so einfach umzusetzen. Bastian Hosan mit den drei Vorschlägen, wie die Idee am effektivsten umgesetzt werden könnte.
Unternehmen als Rechenzentren
Reuters berichtet, dass Meta begonnen hat, die Mausbewegungen und Tastaturanschläge seiner Mitarbeiter zu sammeln, wenn diese auf ihren Arbeitscomputern für die Firma relevante Programme oder Webseiten nutzen. Das Projekt nennt sich Model Capability Initiative (MCI) und soll dafür sorgen, dass KI-Agenten sich bei Computer-Aufgaben stärker am Verhalten von Menschen orientieren und damit effizienter werden.
Im luftleeren Raum findet das Ganze selbstredend nicht statt: Wenige Tage später gab Meta bekannt, 8000 Mitarbeitende (etwa zehn Prozent der Belegschaft) zu entlassen und 6000 freie Stellen nicht zu besetzen. Der Konzern benötigt Geld für den Ausbau von KI-Rechenzentren (Schätzungen für 2026: 135 Milliarden US-Dollar); in KI hat man bei den Frontier-Modellen aufzuholen und angesichts fehlender Cloud- und B2B-Ausrichtung ohnehin strategische Leerstellen (über die Situation von Instagram zu schreiben, wäre nochmal ein eigener Text, es ist hochprofitabel, aber kompliziert…).
Casey Newton erinnert daran, dass Alexandr Wang, der relativ neue Chef des “Superintelligence-Teams”, mit seiner Firma Scale AI aus genau diesem Geschäft kommt: Generierung von KI-Trainingsdaten aus menschlichem Computerverhalten.
Wohin das mittelfristig führt, wird man sehen. Es ist kein Geheimnis, dass Mark Zuckerberg als Verfechter einer Allgemeinen Künstlichen Intelligenz (AGI) in seinem Unternehmen von einer Art von Vollautomatisierung träumt, in der immer weniger Menschen einer immer größeren Zahl von autonomen Agenten erst orchestriert und dann irgendwann nur noch überwachen. Das gilt einerseits für die Kunden-Ebene (Fullservice-Automatisierung von Anzeigenerstellung, Targeting und Anpassung für Kleinkunden), aber eben auch mit Blick auf die eigene Firma (was an “Software frisst ihre Schöpfer” erinnert). Das Unternehmen wird, zugespitzt formuliert, zum Rechenzentrum - ein hoher Automatisierungsgrad, der eher an die Industrieproduktion und Ghost Factories erinnert als an die Werbefirma, die Meta ist.
Nun ist die Idee einer weitgehenden Automatisierung der Arbeitswelt nicht neu, eigentlich ist sie Unternehmen, die auf Gewinnoptimierung ausgerichtet sind, inhärent. Deshalb ist die seichte Argumentation, so etwas wollen eben die “Bad Guys from the Valley”, irreführend. Der Unterschied zwischen einem Chef eines deutschen Konzerns und dem Chef von Meta besteht nicht in Anständigkeit und Charakter, sondern ergibt sich aus den Rahmenbedingungen. Und hier bieten die USA eben Voraussetzungen, unter denen sich solche Experimente verwirklichen lassen (kein Kündigungsschutz, kein Beschäftigtendatenschutz, keine Gewerkschaften usw.).
AGI und der Arbeitsmarkt
Obwohl es inzwischen durchaus Anzeichen für den Beginn einer rekursiven Selbstverbesserung gibt, halte ich weiterhin die These von “KI als normaler Technologie” (vgl. Ausgabe #133) für die realistischere: Es gibt zu viele kleine Dinge in Institutionen, die nicht “datafiziert” sind - und KI bedeutet als unverlässliches/unpräzises (halluzinierendes) System in vielen Bereichen zu hohe Risiken für Vollautonomie (“Fähigkeits-Verlässlichkeits-Lücke”). Angemerkt sei aber: Beides ist kein Hindernis für die Adaption, wohl aber ein Rezept für KI-basierte Unfälle und Fehlabläufe.
Dennoch ist es richtig, sich auf die bereits beginnenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, aber auch mögliche Veränderungen bei der Kapitalakkumulation vorzubereiten. Die möglicherweise krasse Wohlstandskonzentration wird in der AGI-Szene spätestens seit dem Essay “Capital in the 21st Century” (vgl. Ausgabe #155) diskutiert. Und auch weitergeführt.
Der Stanford-Doktorand Philip Trammell (Ko-Autor von “Capital…”) stellt in einem Aufsatz die These auf, dass Arbeit zu einem Luxusgut werden könnte. In dem Moment, in dem alle menschlichen Fähigkeiten von KI-Systemen oder KI-Robotern übernommen werden könnten, wären einzig „human-intrinsic goods“ (menschlich-intrinsische Güter) mit menschlicher Wertschöpfung verbunden, also Dienstleistungen, deren Wert untrennbar mit der menschlichen Identität, Herkunft oder Ausführung verbunden sind. Aber das würde nicht genügen, um den Arbeitsmarkt für Menschen vor dem Kollaps zu bewahren.
Alex Imas von der University of Chicago Booth School of Business widerspricht ihm: Es gehe nicht darum zu messen, ob der Anteil von Arbeit am Gesamteinkommen bei fortgesetzter Automatisierung im Vergleich zur Kapitalakkumulation gleich bleibt, sondern vielmehr darum, welche Sektoren Ausgaben und Beschäftigung absorbieren, sobald die Produktion von Massenware („commodities“) durch KI extrem billig wird.
Imas zieht nämlich folgenden Schluss: Weil der menschliche Faktor (Aufmerksamkeit, Wärme, Urteilsvermögen) selbst Teil des Wertes einer Arbeit ist (vgl. Therapeuten, Lehrern oder handgefertigten Luxusgüter), bleibt die menschliche Arbeit auch in einer Welt fortgeschrittener KI substanziell. Die anderswo wegbrechende Nachfrage nach Arbeit verschiebt sich in den „relationalen Sektor“, in dem die menschliche Herkunft (provenance) das entscheidende knappe Gut darstellt.
Auf den ersten Blick erscheint das wie Feudalismus (im Sinne von “nur die Profiteure aus der Wertschöpfung des Kapitals, also Reiche, können es sich leisten, Menschen für ihre Dienstleistungen zu bezahlen”). Imas löst diesen Widerspruch aber auf: Durch KI und Automatisierung wird Massenware (und damit Konsum materieller Güter) so günstig, dass sich de facto alle leisten können, mehr Geld für den “menschlichen Faktor” auszugeben. Er merkt allerdings an, dass dies nur für die Industrieländer gilt - für Entwicklungsländer, deren Volkswirtschaften auf der Produktion günstiger Waren aufbauen, sei die Sache “komplizierter und potenziell besorgniserregender”.
Interessant finde ich, dass hier eine in der Konsequenz linke Position (Trammell: Der Arbeitsmarkt kann bei AGI-Vollautomatisierung nicht gerettet werden, es braucht Umverteilung) auf eine klassisch marktliberale Position trifft (Imas: Arbeit verlagert sich, wie bislang immer in der Geschichte, in einen neuen Sektor). Nun steht Imas deutlich in der Tradition der Chicago School und agiert damit natürlich ein bisschen wie ein Hammer auf der Suche nach einem Nagel. Aber durchdacht ist seine Position allemal.
Zwei weitere Aspekte finde ich noch bemerkenswert:
Imas versucht, die Ökonomie und Soziologie/Anthropologie zu verknüpfen. Denn den Wunsch nach dem “menschlichen Faktor” leitet er aus René Girards “mimetischem Begehren” ab: Wir wissen, was wir wollen, indem wir nachahmen, was andere wollen. Deshalb sinkt der Wert des “menschlichen Faktors” aus seiner Sicht auch nicht. Diesen Versuch der Interdisziplinarität kann man kritisch als Verkaufstrick interpretieren, ich halte ihn aber für sehr sinnvoll.
Bei genauerem Hinsehen ist die Ökonomisierung des Zwischenmenschlichen bereits in unseren Gesellschaften angelegt. Imas verweist auf Therapeuten, Kunst, Lehrer etc. Ich habe dabei Uber (Mitfahrgelegenheit), Airbnb (Gastfreundschaft), Cameo (Nähe zu Prominenten), OnlyFans (Intimität), TaskRabbit (Hilfe bei Arbeit) im Hinterkopf, oder auch digital vermarktlichte Bereiche wie Liebe und Partnerschaft (Tinder). Kein Zweifel: Ein Arbeitsmarkt, wie Imas ihn sich vorstellt, wäre hochalgorithmisiert, von Plattformen verwaltet und letztlich die Konkurrenz aller gegen alle.
Die Grenzen des Software-Gehirns
Sowohl die Idee vom “Unternehmen als Rechenzentrum” als auch die “AGI-(Nicht-)Arbeitsgesellschaft” sind Prognosen, die auf linearen beziehungsweise exponentiellen Entwicklungen im Bereich großer Sprachmodelle basieren. Vor allem aber sind es Visionen, die auf einer Vorstellungskraft beruhen, die aus Software-Gehirnen stammt.
Verge-Chefredakteur Nilay Patel definiert das “Software-Gehirn” als spezifische Denkweise der Tech-Industrie, die die Welt ausschließlich durch die Linse von Algorithmen, Datenbanken und Automatisierungsschleifen betrachtet und damit KI als großes Versprechen sieht. Das Software-Gehirn steht im Kontrast zu dem, wie Menschen außerhalb der Branche diese Automatisierung wahrnehmen: Als Entmenschlichung durch die Reduzierung auf Datenpunkte in einem System. US-Umfragen zufolge ist diese KI-kritische Position gerade unter jungen Menschen stark verbreitet, obwohl (oder: weil) sie nichts anderes als das Datenpunkt-Korsett (Likes, Shares, Matches) kennen.
Aus diesen unterschiedlichen Perspektiven lassen sich viele der Konflikte ableiten, die wir im Kontext mit KI erleben und noch erleben werden. Nichts an dieser Entwicklung ist in Stein gemeißelt, auch wenn wir gerne so tun. Dafür aber brauchen wir eine Diskussion, die eben nicht nur auf der Gedankenwelt des Software-Gehirns beruht (der wir uns womöglich anpassen, weil wir glauben, sonst nicht mehr als Mensch oder Firma wettbewerbsfähig zu sein). Denn es ist (und das glaube ich wirklich!) noch gar nicht geklärt, ob wir KI zu einem Werkzeug machen, bei dem sich der Computer endlich den Menschen anpasst - oder ein weiteres System bauen, in dem wir Menschen uns der Technik anpassen müssen.
In diesem Zusammenhang möchte ich auf ein Essay von Robert Simanowski in den Blättern hinweisen. Denn er zeigt nicht nur Technik- und Denkstrukturen im aktuellen KI-Diskurs auf, sondern weist auch auf die Leerstellen hin. Gefettetes Zitat:
“Die Politik, die Bildung, selbst die Medien: Niemand scheint sich ernsthaft zu fragen, wie wir in zehn Jahren leben wollen und wohin es mit der Digitalisierung und der KI-Entwicklung eigentlich gehen soll. Visionen haben nur noch die KI-Unternehmen, die bekanntlich nicht frei von Eigennutz sind. Und selbst die gehen – wie Mark Zuckerbergs Minimanifest »Personal Superintelligence« im Juli 2025 – kaum über leere Ermächtigungsbehauptungen (“a new era of personal empowerment”) hinaus.
Das war einmal anders. Noch vor wenigen Jahren gab es eine große Debatte zur Transformationsgesellschaft, über die anstehenden tiefgreifenden Veränderungen: ökologisch, ökonomisch, technologisch, sozial – Debatten und Demos. Jetzt verharrt alles im Klein-Klein. Krisenmanagement und Besitzstandswahrung statt Gestaltungswille. KI und Internet werden vor allem als Wirtschaftsfaktoren diskutiert; man redet über Geld statt über Konzepte.”
Simanowski führt dann auch noch einige Ideen zur Medienkompetenzentwicklung ein, um im Kern eine Forderung zu postulieren, die so bekannt wie relevant ist: Dass wir Menschen Subjekt bleiben, “Subjekt unseres Lebens, Subjekt unserer Sprache”. Ich hoffe, dieser Newsletter ist als Sekundärliteratur hilfreicher Teil eines Denkprozesses, der sich mit dieser Frage beschäftigt.
Überall Psy-Ops: Irans Lego-Videos und das Informationsökosystem
Die pro-iranischen Lego-Videos sind ja bereits länger ein Thema und haben einige Schlagzeilen gemacht. Wer nicht weiß, um was es geht, hier ein übersetztes Zitat von DropSite:
“Mit dem Iran verbundene Konten verbreiten ein neues Propagandavideo im LEGO-Stil, in dem US-amerikanische und israelische Politiker als korrupte Eliten dargestellt werden, die mit den „Epstein-Akten“ in Verbindung stehen. Dies ist Teil einer umfassenderen Online-Kampagne, die darauf abzielt, die Unterstützung für den Krieg zu untergraben.
Die Animation zeigt Präsident Donald Trump als „orangefarbenes Schwein“, das vom israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu kontrolliert wird, und stellt den gesamten Krieg als ein Projekt dar, um „Israel wieder groß zu machen [great again]“.”
Das CNN-Video erklärt einige Sachverhalte sehr gut - die Macher sind aus Iran, nach eigener Aussage allesamt unter 25 Jahre alt, haben dort eine Medienlizenz und ihr Content wird von der iranischen Regierung nicht nur verbreitet, sondern auch (so legen es die Aussagen von Mitgliedern nahe) lizenziert, also bezahlt. YouTube hat den Kanal von Akhbar Enfejari (Explosive News) inzwischen gesperrt, offiziell wegen der Darstellung von Gewalt.
Hier ein Video als Beispiel:
Das alles ist wahrscheinlich die geschickteste Social-Media-Kampagne des Jahres, denn es wird ein Publikum angesprochen, das von herkömmlichen Nachrichten nicht erreicht werden dürfte. Anders als bei klassischen Medien wird die Trump’sche Regierungsführung nicht ernstgenommen, sondern durch Humor als Shitshow entlarvt. Hinzu kommen Hip-Hop-Songs im Hintergrund, dazu kleine, satirische Details und eine popkulturelle Affinität, die Iran deutlich moderner aussehen lässt, als es in der öffentlichen US-Wahrnehmung sonst transportiert wird.
Gleichzeitig wird mit den “United States of Israel” und Symbolik wie “Netanjahu als Herr, Trump als Hund” und dem Einsatz des Chanukka-Leuchters die anschlussfähige Israel-Kritik mit (leider heutzutage ebenfalls anschlussfähigem) Antisemitismus kombiniert.
Der Forscher Andrew R. North sieht die Grundlagen für den Erfolg solcher Formate in Wegbereitern wie Jon Stewarts Daily Show, die Nachrichten fast durchgehend aus der satirischen Perspektive betrachteten, um Widersprüche und Zynismus des politischen Geschehens zu entlarven. Übersetztes und gefettetes Zitat:
“Das Ergebnis sind Inhalte, die nicht sofort als ausländische Propaganda erkennbar sind, sondern vielmehr wie Unterhaltung wirken. Für ein Publikum, das es bereits gewohnt ist, sich über Comedy über Politik zu informieren, fällt dieser Unterschied kaum auf.
Hierin liegt eine tiefgreifende Ironie. Die kulturellen Bedingungen, die Sendungen wie “The Daily Show” und “Last Week Tonight“ hervorgebracht haben – der Vertrauensverlust in die politische Mainstream-Kommunikation und die Forderung nach Authentizität und Humor statt formaler Rhetorik – haben ein Medienumfeld geschaffen, in dem ein ausländischer Staat Propaganda an Millionen von Amerikaner verbreiten kann, die sich kaum von einheimischer Unterhaltung unterscheidet.
Das soll nicht heißen, dass Late-Night-Satire und iranische KI-Inhalte gleichwertig sind. Aber sie agieren im selben Medienökosystem – einem, in dem Humor zu einer primären Methode der politischen Kommunikation geworden ist.
Das Beunruhigendste an den aktuellen Ereignissen ist, was dies für unser Informationsumfeld bedeutet.
Wenn Propaganda nicht mehr von Satire zu unterscheiden ist und Satire Millionen von Aufrufen erzielt, während Nachrichten dies nicht tun, scheint die Grenze zwischen politischer Unterhaltung und politischer Überzeugungsarbeit zusammengebrochen zu sein. Und am stärksten betroffen sind diejenigen, die glauben, das Kriegsgeschehen überhaupt nicht zu verfolgen.”
Überall Psy-Ops II: Geese
Es gibt eine kuriose Kontroverse in der US-Popkultur: Erklärt sich der große Erfolg der Rockband Geese durch geschickte Manipulation von Social-Media-Aufmerksamkeit? Das zumindest behauptet Wired, das den Geese-Siegeszug sogar als “Psy-Op“ bezeichnet.
Gewährsmann dafür ist einer der Mitgründer der Agentur “Chaotic Good“, die sich damit schmückt, „Trend-Simulation“ zu ihren Fähigkeiten zu zählen. Der gibt zu, dass man Geese dabei geholfen hat, über TikTok bekannt zu werden. Wired erklärt das Prinzip (übersetzt):
“Im Wesentlichen baut das Unternehmen Netzwerke aus Social-Media-Seiten (meist auf TikTok) auf und nutzt diese, um die Musik der Band in den Empfehlungsalgorithmus zu bringen. Songs werden im Hintergrund von Videos abgespielt. Live-Clips werden geteilt. Manchmal lassen sich aus dem Nichts gefälschte Accounts, Kommentare und ganze Interaktionsökosysteme erschaffen, die die Diskussion um einen Künstler anheizen – und in manchen Fällen sogar komplett künstlich erzeugen.“
“Wir haben es immer geahnt“, sagen einige – tatsächlich steht der Erfolg von Geese schon länger unter Verdacht, ein Marketingprodukt zu sein.
Allerdings gibt es auch große Kritik am Wired-Stück. Zum Beispiel hat man sich dort nicht zeigen lassen, wo und wie genau „Chaotic Good“ nachgeholfen hat. Hobby-Analysten identifizieren nur eine Handvoll erfolgloser Accounts im Zusammenhang einer Chaotic-Good-Kampagne für Geese. Auch der Firmen-Mitgründer rückt von seiner Darstellung ab.
Bei mir werden Erinnerungen an den Hype um Cambridge Analytica wach, und Ryan Broderick merkt an, dass es fast unmöglich ist, das PR-Versprechen von „Chaotic Good“ einzulösen und Hypes gezielt via TikTok so zu verstärken, dass relativ unbekannte Akteure quasi von alleine berühmt werden.
Mir scheinen hier zwei Weltbilder aufeinander zu treffen: Glaubt man dran, dass
a) wir alle zu blöd sind, geschicktes Marketing für eine mittelmäßige Rockband zu erkennen?
oder
b) wir alle zu blöd sind, geschicktes Marketing für eine windige Online-PR-Firma zu erkennen?
Unübersichtliche Zeiten.
Kurz erwähnt:
Entwicklungen aus den vergangenen 14 Tagen, die eigentlich eine ausführlichere Auseinandersetzung verdient hätten.
Ein US-Soldat, der an den Planungen für die Entführung des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro beteiligt war, wurde verhaftet, weil er 400.000 US-Dollar durch Polymarket auf Maduros Amtsende verdient hatte. Ihm drohen bis zu 60 Jahre Haft. (Polymarket et al. ist ja eines meiner Lieblingsthemen)
Die Signale sind eindeutig: Die Zeiten von kostenloser oder unbegrenzter KI-Nutzung gehen nicht nur zu Ende, die KI-Firmen schränken die Tokennutzung von Privatkunden und -kundinnen massiv ein.
Links
Zynische Vernunft: Was das Palantir-”Manifest” mit Peter Sloterdijk zu tun hat.
Warum die Meinungen über KI so auseinander gehen. ($)
Digitale Medien: Die Grenze zwischen Beweis und Content verschwindet.
Warum Dein KI-Assistent plötzlich versucht, Dir etwas zu verkaufen. ($)
Modellentwicklung: Die KI-Leute lagen oft richtig.
4Chan und die seltsame Genese der “Reasoning”-Fähigkeiten von KI-Modellen.
Und wenn wir einfach mit dem Hyperscaling aufhören?
Google gründet Strike-Team für DeepMind, um bei KI-Codingfähigkeiten zu Claude Code aufzuschließen.
Anduril, Palantir, SpaceX und der neue Krieg. ($)
KI-Regulierung: Wo Dezentralisierung funktioniert - und wo nicht.
Höhere Bildung darf KI nicht als automatische Entwicklung wahrnehmen.
Chinas KI-Experimente in der Bildung.
Wohin entwickelt sich Microsoft? Ein Blick aus der Nachbarschaft.
Start-up pleite? Verkauft die Slack-Daten.
Warum ist KI-Text so schlecht?
Jenseits der vordigitalen Nostalgie.
Bis zur nächsten Ausgabe!
Johannes



