Aus dem Internet-Observatorium #152
Finale Notizen zum Souveränitätsgipfel / Neue Notizen zu KI
Hallo zu einer neuen Ausgabe! Mein Name ist Johannes Kuhn, ich bin einer der beiden Redaktionsleiter beim Tagesspiegel Background Digitalisierung & KI (sowie Cybersecurity und Smart City) und das hier ist mein privater Newsletter. Wohlan, er ist wieder lang geworden.
Appetizer aus dem Tagesspiegel Background
Der Digital-Omnibus… war ein Großthema der vergangenen Wochen, bei uns unter anderem in der Analyse des geleakten Entwurfs, der Nutzung persönlicher Daten für KI-Training im Sinn des “berechtigten Interesses” und der Verschiebung der Hochrisiko-Fristen. Die Reaktionen nach der offiziellen Vorstellung haben wir natürlich auch eingesammelt.
Interview mit KI-Forscherin Cecilia Rikap: Cecilia Rikap untersucht die Vernetzung der universitären KI-Forschung mit den großen KI-Anbietern. Auch wenn Rikap die Ergebnisse aus einer eindeutig linken Perspektive einordnet, sind ihre Erkenntnisse derart relevant, dass man ihr unbedingt zuhören sollte. Alexandra Ketterer hat das Interview geführt.
KI-Crawling und Urheberrecht: Derzeit wird in Medienbranchen-Kreisen ein Papier geteilt, an dem ich im Frühsommer mitgewirkt habe. Darin geht es um die Urheberrechtsfragen für Medienhäuser, die durch das KI-Crawling entstanden sind. Wir beim Background begleiten das Thema ebenfalls regelmäßig: Friederike Moraht hat zum Beispiel das folgenreiche Urteil des Landgerichts München zu Gema vs. OpenAI analysiert und den politischen Puls rund um das Jahrestreffen der Initiative Urheberrecht gemessen. Monika Ermert wiederum hat die Sitzungen der Internet Engineering Task Force (IETF) verfolgt, die sich eigentlich auf einen technischen Standard für KI-Crawling einigen wollte, dies aber aufgrund allzu heftiger Differenzen verschieben musste.
Es wird ernst in Sachen digitaler Neuroethik: Die Weltgemeinschaft hat sich im Rahmen eines Unesco-Prozesses auf Leitlinien für den Umgang mit Neurodaten und Computer-Zugängen für menschliche Gehirne geeinigt. Ute Korinth hat die Details aufgeschrieben.
Neue Krypto-Besteuerung: Ab dem kommenden Jahr fallen lizenzierte Krypto-Börsen unter die neue EU-Regulierung. Das bedeutet unter anderem, dass sie Daten an die Steuerbehörden weitergeben müssen, die dann entsprechend Spekulationsgewinne besteuern können. Warum das alles in der Praxis gar nicht so einfach wird, habe ich Anfang November aufgeschrieben.
Und damit zum Newsletter:
Finale Notizen zum “Europäischen Gipfel zur Digitalen Souveränität”
Beginnen wir auf der Meta-Ebene: Ich kann verstehen, wenn der europäische Gipfel zur digitalen Souveränität viele hier ratlos zurücklässt. Mein eigenes Fazit ist ebenfalls gemischt. Aber die Pauschalkritik, die dann wieder von den üblichen Akteuren kommt, wird dem Ganzen nicht so wirklich gerecht.
Ich fand, es gab vor allem einen sichtbaren Unterschied zu den sonstigen Digitalgipfeln: Es fand eine europäische - und natürlich speziell deutsch-französische - Vernetzung statt, die nochmal sehr wichtig werden kann. Auf den klassischen Digitalgipfeln schmoren die deutschen Akteure oft im eigenen Saft, jeder hat mit jedem schon Geschäfte gemacht oder kennt die Positionen; in Berlin am Dienstag wurde diese Selbstreferenzialität einmal aufgebrochen. Und natürlich kann man darüber die Augen rollen, dass die EU-Länder erst jetzt damit anfangen, ihre Digitallösungen nebeneinander zu legen und strategisch zu vergleichen, was man gegenseitig übernehmen könnte - aber es muss halt einfach mal gemacht werden.
Ich hatte im Background am Montag den geopolitischen und wirtschaftlichen Kontext ausführlich umrissen. Davon lässt sich viel ableiten: Natürlich wäre es ein Signal gewesen, hätte sich wirklich ein Dax-Konzern mal zu „Buy European“ bekannt. Aber die wirtschaftliche Lage ist schlecht, die angebotenen Produkte sind noch zu verstreut und schlecht integriert und natürlich haben gerade exportorientierte Konzerne auch Geschäftsinteressen in den USA (und auch in China). Mehr dazu wie gesagt in der Analyse beim Background.
Mehreren Menschen, mit denen ich gesprochen habe, ist durchaus aufgefallen, dass Bundeskanzler Friedrich Merz „Buy European“ sehr viel offener und offensiver als sein Digitalminister Karsten Wildberger thematisiert hatte. Wildberger wiederum vermied - qua fehlender offizieller Festlegung der Bundesregierung - nicht nur eine Positionierung zu “Buy European”, sondern stieg auch der CSU nicht auf die Füße und rechtfertigte den Einsatz von Palantir unter bestimmten Bedingungen. Womit einmal mehr die Frage im Raum steht, die ich in den vergangenen Monaten häufiger gehört habe: Weiß Wildberger, dass er eigentlich viel mehr Freiheiten hat, als es qua Amt den Anschein hat? Und wenn ja: Warum nutzt er sie nicht?
Eine Antwort könnte sein: Weil sich die Bundesregierung de facto in allen wirtschaftlichen Politikfeldern darauf festgelegt hat, dass Vereinfachung der Schlüssel für den Erfolg ist. Das ist nicht nur mit Blick auf die künftige Haushaltsentwicklung nachvollziehbar, sondern auch, wenn man sich daran erinnert, wie ineffektiv die Digitalprogramme der EU funktionierten oder wie viel aus den Corona-Mitteln für die OZG-Umsetzung in teure Beraterverträge floss.
Und doch macht man es sich mit dem Bashing der EU und ihrer Vorgaben zu einfach - mit der Problembeschreibung wie mit der Lösung. Wenn man sich schon mit konkreten Investitionen zurückhält und eher “Signale” setzen möchte, hätte man zumindest beim „Staat als Ankerkunden“ konkreter sein müssen - das Minimum wäre ein festgelegter Prozess gewesen. So bleiben zurecht Zweifel, ob das Thema digitale Souveränität wirklich Priorität genießt oder man einfach bis zum Ende der Legislaturperiode ein bisschen hie und da einkauft und herumexperimentiert.
Bei den Franzosen wiederum war offensichtlich, dass für sie eigentlich nur das Thema KI zählt. Es war eine Dauerschleife, die teilweise schwer zu ertragen war. Mit Mistral sieht Paris seine Schäfchen im Trockenen, nun geht es nur noch darum, den Rest von Europa zu B2B-Kunden des Start-ups zu machen. Von einem „Airbus für KI“ ist entsprechend keine Rede mehr, hier verlagert sich der französische Blick eher in Richtung eines “Airbus für Quantencomputing”.
Die Vertreter kleinerer Länder, mit denen ich sprechen konnte, sehen das alles durchaus mit Interesse - wissen aber, dass sie auf dem Rücksitz Platz nehmen müssen. Natürlich haben sie die Sorge, dass am Ende (wieder einmal) deutsche und französische Firmen Großaufträge bekommen und vom Souveränitätstrend profitieren; allerdings steht man eher auf der Position, dass es gut ist, dass Deutschland die Digitalisierung als Schlüsselthema endlich erkannt hat.
Interessant fand ich in diesem Zusammenhang auch das Gespräch mit jemandem aus einem kleinen osteuropäischen Land. Der sagte sinngemäß: Schön und gut, natürlich sind wir offen, wenn US-Firma XY KI-Rechenzentren bauen möchte. Aber wir sehen natürlich die steigenden Strompreise in den amerikanischen Gegenden, wo plötzlich solche Großprojekte große Stromkapazitäten binden und die Finanzierung des gestiegenen Bedarfs letztlich sozialisiert wird. Und genau diesen Unmut, der deshalb entsteht, möchten wir uns sparen.
Übrigens gab es tatsächlich eine Sache, für die Deutschland beneidet wird: Für die quasi unbegrenzten Rüstungsausgaben, die die Bundesrepublik in den kommenden Jahren tätigen kann und die auch in Defence Tech fließen werden. In der Digitalisierung sieht Frankreich Deutschland nicht auf Augenhöhe; im Militärbereich hat man Sorge, innerhalb der nächsten zehn Jahre überholt zu werden.
Neue Notizen zu KI
Bubble-Talk
Die Debatte über eine mögliche KI-Blase hat sich in den vergangenen Wochen von der Frage, ob eine Blase existiert, hin zum Rätselraten verlagert, wie diese Blase denn konkret beschaffen ist und was ihr absehbares Platzen auslösen würde. Selbst Vertreter von Tech-Firmen reden offen über das Thema. Und dass Peter Thiels Investmentfirma ihre Nvidia-Anteile verkauft hat, zeugt von größerer Bubble-Sorge (oder davon, dass man Kohle für irgendwelche Rechzentrumsprojekte braucht).
Mein Stück aus Ausgabe #146 zu den Zusammenhängen ist weiterhin relevant, ich will aber noch auf ein paar Details eingehen. Zum Beispiel die Frage: Was passiert, wenn die Blase platzt, weil eine Markt-Massenreaktion auf die Erkenntnis einsetzt, dass die Investitionen nicht so schnell wie erhofft Renditen abwerfen?
Der Economist hat hierzu ein relativ konkretes Szenario: US-Verbraucher sind besonders betroffen, weil die Rechenzentren-Kredite als Finanzprodukte in Rentenplänen, Investmentfonds und börsengehandelte Fonds sowie den Portfolios von Privatanlegern zu finden sind. Der darauffolgende Einbruch der Konsumnachfrage würde aber auch den Rest der Welt treffen, zumal das Wirtschaftswachstum in den USA ja maßgeblich von den KI-Rechenzentrumsprojekten abhängig ist.
Auch in der Tech-Branche dürften sich einige Gewichte verschieben, denn de facto sind die Konzerne zwar hochprofitabel, aber der Eindruck täuscht insofern, als die Finanzierungskredite eben aus den Bilanzen ausgelagert sind. Eine richtig gute Analyse dazu habe ich aber noch nicht gefunden.
Bloomberg hatte jüngst eine gute Analyse der Privatkreditmärkte, die mehr oder weniger unreguliert sind und die einen großen Teil der KI-Kapazitäten finanzieren. JPMorgan-Chef Jamie Dimon spricht von Kakerlaken und spricht von einem Problem, das der Subprime-Krise der Nullerjahre deutlich ähnelt. Das Problem ist, dass Privatkredite häufig illiquide sind, also nicht einfach verkauft werden können. Dazu gibt es Probleme mit zweifelhaften Ratings. Und eine Verflechtung mit dem Banksektor, der die Privatkredite oft finanziert. Wenn nun mehrere Großkreditnehmer gleichzeitig ausfallen, ist das Risiko auch für den klassischen Bankensektor immens.
Haftungsfragen bei KI-Verleumdung
“Wer bezahlt, wenn sich die KI irrt?”, fragt die New York Times. Hinter der zahmen Überschrift verbirgt sich tatsächlich eine Form von Großrisiko für KI-Anbieter: Mehrere Menschen und Firmen verklagen Google und OpenAI, weil Chatbots in ihren KI-Antworten Falschbehauptungen aufgestellt haben. Zum Beispiel über eine Handwerkerfirma aus Minnesota, der Gemini in Googles KI-Modus juristische Probleme wegen irreführender Verkaufspraktiken andichtete. Dadurch gingen der Firma fast 400.000 Dollar an Umsatz verloren.
Den konkreten Verlust zu beziffern, wird nicht immer so einfach sein wie bei der Handwerkerfirma, die de facto schlicht die Vertragskündigungen finanziell zusammenrechnete. Allerdings tut sich mit diesem neuen Konflikt auch eine Frage auf: Können Anbieter von KI-Chatbots sich wirklich noch als Medien-Intermediäre, die nur Informationen auswerten und ausspielen, bezeichnen?
Das ist tatsächlich auch in Europa sehr relevant: Denn ein neues Haftungsregime, das Google, OpenAI und anderen eine stärkere Verantwortung für die Inhalte gibt, die in den Chatbot-Antworten verbreitet werden, würde deutlich höhere Qualitäts- und auch Prüfungsanforderungen an die Anbieter einer solchen Software stellen.
KI, Arbeitsplatzabbau und “AI Washing”
Die US-Techfirmen bauen - angesichts der Großinvestitionen in KI und den erwarteten Produktivitätsgewinnen bei Programmiertätigkeiten - weiter Jobs ab und auch die “alte” Wirtschaft verhehlt laut Bloomberg nicht mehr, dass sie Stellen wegen der erhofften Effizienzgewinne durch KI streichen. Beziehungsweise, wie der Vertreter eines Personaldienstleisters formuliert:
„Sie sprechen davon, diese Aufgaben in Zukunft mit KI zu erledigen, was einer Art ‚KI-Washing‘ gleichkommen kann. Sie geben der KI die Verantwortung, obwohl sie nicht der einzige Grund für die Entlassungen ist.“
Freddie deBoer stellt in diesem Zusammenhang in seinem Newsletter die Grundsatzfrage: Kann Arbeitsplatzabbau überhaupt ein Signal für den Erfolg oder Misserfolg von KI bei der Übernahme menschlicher Tätigkeiten sein? Seine Antwort lautet: Nein. Übersetztes längeres Zitat:
“Sie werden immer wieder hören, dass „es diesmal anders ist“. Und vielleicht ist es das auch wirklich; es gab echte Verbesserungen im Bereich des maschinellen Lernens und der Automatisierung. Aber Unternehmen können und werden Arbeitsplätze abbauen, weil sie aufrichtig davon überzeugt sind, dass Code den Menschen ersetzen kann, auch wenn diese Überzeugung falsch ist. Die Wirksamkeit einer Technologie wird nicht dadurch bewiesen, dass man sie in einem Memo an den Vorstand ankündigt oder eine Verringerung der Mitarbeiterzahl anführt. Effektivität erfordert einen nachhaltigen Betrieb unter den chaotischen Bedingungen der realen Welt: Zuverlässigkeit, Wartbarkeit, die Fähigkeit, Sonderfälle zu bewältigen, die Integration mit menschlichen Teams sowie das politische und regulatorische Umfeld.
Unternehmenserklärungen über KI-gesteuerte Effizienz sind performative Handlungen; sie richten sich an die Märkte und nicht an eine strenge Überprüfung. Das ist ein wichtiger Teil davon, die Tatsache, dass diese Unternehmen mehr daran interessiert sind, ihre Aktienkurse zu manipulieren, als an irgendetwas anderem. Was sie sagen, ist nicht verlässlich, weil sie unter ständigem, starkem Druck stehen, eine Fassade für die Märkte aufrechtzuerhalten.
KI die Schuld zu geben, ist billig und einfach. Es ist eine Erzählung, die Führungskräfte von ihrer Verantwortung entbindet und der Öffentlichkeit gleichzeitig einen passenden Bösewicht in einer Zeit tiefgreifender Angst vor Technologie bietet. „KI war schuld” ist besser als „wir haben Personal abgebaut, weil wir das Quartalsziel der Wall Street erreichen wollten”. Es signalisiert modernste Modernität, um Analysten zu beschwichtigen und gleichzeitig die Kritik an der Unternehmensführung abzulenken.”
AGI als Verschwörungstheorie
Will Douglas Heaven, der inzwischen seit mehr als einem Jahrzehnt über KI berichtet, hat eine These: Artificial General Intelligence (AGI) ist die folgenreichste Verschwörungstheorie unserer Gegenwart. Er belässt es nicht bei einem schnellen Take, sondern erklärt die Genese: Populär wurde der Begriff durch den KI-Forscher Ben Goertzel, der im vorigen KI-Winter 2007 ein gutes Konzept für sein Buch brauchte. Über seine eigene Konferenz und durch Kontakt mit Leuten von DeepMind und auch Peter Thiel wurde AGI als Idee bekannter.
Parallel dazu verbreitete der KI-Forscher Eliezer Yudkowsky eine eher düstere Version von einer gefährlichen AGI, die er ebenfalls bei Peter Thiel (und der selbsternannten Rationalisten-Community bei LessWrong) anbrachte, die aber auch den Philosophen Nick Bostrom inspirierte. Dessen Buch Superintelligence (2014) machte den Begriff salonfähig. Yudkowsky selbst ist Co-Autor des diesjährigen Bestsellers “If Anyone Builds It, Everyone Dies” - was zeigt, dass seine Thesen weiterhin Konjunktur haben.
Goertzel wiederum sieht das Ganze etwas skeptischer: “Es überrascht mich etwas: Menschen, die tiefes technisches Wissen über die Mechanismen im Kern solcher Werkzeuge [LLMs] haben, glauben immer noch daran, dass sie zu AGI auf menschlichem Niveau werden können”, wird er zitiert. “Auf der anderen Seite kann niemand beweisen, dass das nicht stimmt.”
“Du kannst nicht beweisen, dass es nicht stimmt”, ist natürlich ein Klassiker. Zitat aus dem Aufsehen erregenden Manifest von Leopold Aschenbrenner (siehe Ausgabe #97), in dem der Weg zu AGI skizziert wird. “An dieser Stelle denken Sie vielleicht, dass ich und alle anderen Leute aus San Francisco völlig verrückt sind. Aber denken Sie einmal kurz darüber nach: Was wäre, wenn sie Recht hätten?”
Heaven zieht in seinem langen Stück Verschwörungsexperten und -expertinnen zur Rate, die eine Ähnlichkeit mit der New-Age-Bewegung der Achtziger sehen (die ja durchaus im Silicon Valley ihre Anhänger hatte). Der Unterschied ist nicht nur, dass es dieses Mal um Abermilliarden US-Dollar und politische Grundsatzentscheidungen geht, sondern auch ein anderes Weltbild, das dahinter steckt: Bei New Age ging es darum, dass wir Menschen die Möglichkeit zur Veränderung in uns tragen, wenn wir das nur erkennen. Die AGI-Bewegung traut das Menschen offensichtlich nicht mehr zu, sondern verlagert ihre Hoffnung auf Maschinen. Und stellt damit das Kern-Narrativ der Tech-Szene wieder her, das wir uns in einer Welt des begrüßenswerten technischen Fortschritts befinden. Selbst wenn - oder gerade weil - sich die Welt da draußen gerade nicht so anfühlt, als würde uns technischer Fortschritt in eine bessere Zukunft führen.
KI-Backlash in den USA?
US-Präsident Donald Trump will per Dekret US-Bundesstaaten daran hindern, KI-Regulierung einzuführen. Wenige Stunden, bevor das bekannt wurde, hatte er einen Termin mit dem Chef von Build American AI, also letztlich von dem Lobby-Arm der Pro-KI-Super-Pacs, die unter anderem von Andreessen Horowitz finanziert werden. Das übliche Spiel eben, Politik für Geld, in diesem Fall Wahlkampf-Unterstützung.
Die juristische Basis für Trumps Erlass ist dünn, aber inzwischen auch die politische Basis, wie Casey Newton zusammenfasst: Denn dieses Mal haben nicht nur demokratische Bundesstaaten, sondern auch konservative Gouverneure und Politiker Widerstand angekündigt. Das signalisiert einerseits die derzeit wachsende innenpolitische Schwäche Trumps, vor allem aber dass es in den USA - auch jenseits der Orte, in denen Großrechenzentren gebaut werden - wachsendes Unbehagen über KI zu geben scheint.
Zwei gute Vorschläge und ein bisschen Menschlichkeit
Der geschätzte Marcus Boesch hat in seinem Newsletter eine Idee, beziehungsweise eine gute Forderung:
“Da Top-Down-Slop-Memes „neue Ebenen der Entmenschlichung“ erreichen, fordere ich eine Forschungsagenda, die in der Lage ist, das rasante Memes-Shitposting und die Memes des militärisch-industriellen Komplexes besser zu entschlüsseln, indem sie sich beispielsweise auf die postdigitale Manifestation in der Verwendung von Gesten und Klängen konzentriert.”
Was meint er damit? Wenn Trump und seine Leute KI-Slop shitposten, in dem der US-Präsident seine Gegner demütigt oder ihnen sogar Gewalt angetan wird, ist das eine völlig andere Art der strategischen Viralität (Top-Down), als wenn das seine Anhänger tun. Vor allem aber haben wir Peak Meme längst hinter uns gelassen (siehe Ausgabe #139) und befinden uns meiner Ansicht nach in einer Phase, in der Memes sich - verstärkt durch die neuen ästhetischen Möglichkeiten von Bildgeneratoren - zu einer Art Privatsprache entwickelt haben. Aber wenn wir diese Sprache in ihren Online- und Offline-Spielarten nicht entschlüsseln können, werden wir in der Analyse und damit auch im Verständnis der “neuen Meme-Welt” nicht sehr weit kommen.
Etwas anders gelagert ist die Idee von David Auerbach: Er schlägt einen ästhetischen Reverse-Turing-Test vor. Das Konzept beruht basiert auf der Idee, dass ein „großartiges” Kunstwerk von KI-generierten Imitationen unterscheidbar sein muss. Wenn sich ein menschliches Kunstwerk nicht zuverlässig von etwas unterscheiden lässt, das von einer KI generiert wurde, kann es nicht als großartig gelten, so die Logik.
Das festzustellen ist natürlich sehr subjektiv, aber geht in eine interessante Richtung - vorausgesetzt, wir folgen der Prämisse, dass KI niemals wie Nabokov schreiben oder wie Rembrandt “malen” kann, sondern eben immer im “als ob” verharren wird. Denn dann hätten wir tatsächlich die Möglichkeit, eine Form von Kriterium für gute Kunst zu entwickeln.
Phire Phoenix bringt eine Perspektive ein, die ich gerne auch noch einspeisen möchte. Sie würde das Auerbach-Kriterium sicher nicht so gelten lassen, denn für sie hat jede Form von Kunst einen Wert, sofern sie menschgemacht ist. Übersetztes Zitat:
“Das Problem mit KI-Ergebnissen, die sich als Kunst tarnen, ist nicht, dass sie technisch unausgereift oder gar unheimlich sind. Die KI-Mediengenerierung hat in den letzten fünf Jahren große Fortschritte gemacht und könnte sich technisch weiter verbessern. Das Problem mit KI-”Kunst” ist, dass sie nicht der Ausdruck eines sterblichen Wesens ist, das sich dafür entscheidet, sein einziges wildes und kostbares Leben damit zu verbringen, sich durch die Mittelmäßigkeit zu kämpfen, um zu versuchen, ein Gefühl unvollkommen mit anderen sterblichen Wesen zu kommunizieren, die es per Definition niemals vollständig verstehen können, und daher ist sie für mich grundsätzlich uninteressant.”
Notizen
Interessante Paper:
Das “AI Now Institute” über den laxen Umgang mit Genehmigungen für Nuklearforschung in den USA im Zuge der Energieanforderungen für KI.
Aline Blankertz von “Rebalance Now” über rechtliche und organisatorische Möglichkeiten der Entflechtung bei großen US-Techkonzernen.
Prognosemärkte II: In der letzten Ausgabe hatte ich darauf hingewiesen, dass auf die Kommerzialisierung politischer Prognosemärkte als problematische Entwicklung hingewiesen. John Herrman hat sich in seiner Kolumne nun ebenfalls mit dem Thema beschäftigt und erinnert daran, wie in den USA Sportwetten inzwischen mehr oder weniger die ganze Berichterstattung dominieren. Und er hat auf dem Schirm, dass im technophilen Spektrum schon länger die Idee der Futarchy kursiert: Die Idee, über Prediction Markets konkrete politische Entscheidung zu treffen. Unterdessen hat Google angekündigt, Polymarket-Prognosen in seine Anzeige von Finanzwerten einzubeziehen.
Google Gemini 3: So wie ich die Reaktionen deute, dürfte Gemini 3 die wichtigste KI-Veröffentlichung des zweiten Halbjahrs gewesen sein - noch vor GPT-5, das man nach Ansicht einiger Experten damit hinter sich lässt. Bei Ethan Mollick findet sich eine gute, praxisbezogene Analyse dazu. Es gibt durchaus Anzeichen dafür, dass Google im KI-Wettrennen inzwischen die besten Karten hat. Dafür, dass ich Sundar Pichai schon in den Sonnenuntergang reiten sah, ist das ziemlich beeindruckend.
Alle haben Fernseher, niemand schaut Fernsehen
Ich versuche mir vorzustellen, wie Marc Andreessen vor einigen Jahrzehnten in einem Seminar für Bachelor-Studierende über Orwells „1984“ diskutiert. Bevor der Professor die Gelegenheit hat, das Gespräch zu beginnen, platzt der junge Andreessen heraus: „Ich dachte, in diesem Roman geht es um ein Land, in dem die Menschen von der Regierung kontrolliert werden und keine Rechte haben. Aber es stellt sich heraus, dass jeder freien Zugang zu einem Fernsehbildschirm hat!“
Robert Wright im Nonzero-Newsletter (Marc Andreessen natürlich ein einfaches Ziel dieser Tage).
“Es gibt noch ein weiteres, existenzielles Problem für das Fernsehen: Die derzeit lebendigste Comedy der Generation Z läuft gar nicht im Fernsehen. Sie spielt sich auf TikTok und YouTube ab, wo 22-Jährige Millionen von Followern direkt von ihren Dating-Katastrophen, Verrat durch Mitbewohner und Quarter-Life-Krisen erzählen. Die Creator Economy hat nicht nur die Aufmerksamkeit der jungen Zuschauer gestohlen – sie hat ihnen auch ihr Genre gestohlen. Für diese Generation werden die lustigsten Shows über das Jungsein von Menschen ihres Alters produziert, auf ihren eigenen Handys, in Formaten, die sich stündlich weiterentwickeln.”
Whitney Friedlander über das Problem, dass Fernsehen für die Gen-Z nicht nur qua Format unattraktiv ist, sondern auch per Inhalt.
Links
Meta machte offenbar Milliarden mit betrügerischer Online-Werbung.
EuGH: Polizei darf DNA- und Biometriedaten Verdächtiger unterschiedslos erheben.
Was hinter dem Cloudflare-Ausfall steckte.
Hat die autonome Cyber-Attacke, von der Anthropic berichtet, wirklich so stattgefunden? (€)
KI-generierter Song stürmt die US-Charts & Wie viele KI-Songs sind inzwischen schon in den Charts?
Ist die Tsinghua-Universität in China das heimliche KI-Zentrum der Welt? (€)
Hyperscaler: Immer mehr teure Seekabel-Projekte für KI.
Ausführliches Interview mit Alex Karp von Palantir. ($)
Katherine Dee: Wie das Internet das Comeback der globalen Rechten ermöglichte.
Podcasts und politisches Identitätsmarketing. ($)
Wo KI heute schon sinnvolle Arbeit leistet und wo (noch) nicht. (€)
“Vice signalling is eating Silicon Valley.”
Das Anti-Social-Media-Zeitalter? ($)
Hat Airbnb den Zenit überschritten? (€)
Bis zur nächsten Ausgabe!
Johannes



