Hallo zu einer neuen Ausgabe! Ausgabe #150, aber weil ich zwischendurch nicht gezählt habe, sind wir eigentlich schon bei ungefähr 170. Entsprechend erscheint diese Ausgabe ohne große Party stattdessen mit ein paar raschen Notizen.
Appetizer: Aus dem Tagesspiegel Background
Die Modernisierungsagenda: Der Versuch, den Staat durch Digitalisierung und einfachere Prozesse agiler zu machen, ist nun zumindest einmal als Roadmap beschrieben. Was im Strategiepapier drinsteckt und was im Verhandlungsprozess innerhalb der Bundesregierung gestrichen wurde, haben Benjamin Hilbricht und ich aufgeschrieben.
Wann Kupfernetz-Abschaltung? Die Telekom besitzt das Kupfernetz und hat damit durchaus eine gewisse Kontrolle darüber, wie der Glasfaserausbau läuft. Denn wo Kupfer abgeschaltet wird, ist Glasfaser plötzlich attraktiv. Und umgekehrt. Entsprechend fordert die Konkurrenz schon lange ein Konzept, wie Deutschland die Kupfer-Glasfaser-Migration gestalten möchte. Lisa Oder und Alexandra Ketterer haben die neuen BMDS-Pläne analysiert und kontextualisiert (Spoiler: Es ist kompliziert).
Verordnung zu politischer Werbung: Seit dem 10. Oktober gilt die EU-Verordnung für politische Werbung. Was eigentlich eine Reaktion auf den (aufgebauschten) Cambridge-Analytica-Skandal sein sollte, wurde einmal mehr ein horizontales Werk mit zahlreichen Fallstricken und unbeabsichtigten Nebenauswirkungen. Friederike Moraht und Josefine Kulbatzki mit ausführlichem Kontext.
Europas KI-Anwendungsstrategie: Die “Apply AI Strategy” soll nach der Regulierung durch den AI Act die Praxisanwendung strukturiert fördern, inklusive eines “Cern für AI”. Papier ist geduldig, gelesen haben die Strategie Oliver Voß und Theresa Locker.
Problematisches IT-Outsourcing in Großbritannien: Was haben Jaguar Land Rover, die Supermarktketten Co-op und Marks and Spencer gemeinsam? Sie wurden Opfer zerstörerischer Angriffe von Cyberkriminellen. Und was noch? Sie haben alle drei jeweils große Teile ihrer IT-Operationen an das Unternehmen Tata Consultancy Services (TCS) ausgelagert. Peter Stäuber über den Trend zum XL-Outsourcing von Cybersicherheit.
Notizen zu Sora 2
Das kleine Sammelvideo oben zeigt, was ungefähr mit dem neuen OpenAI-Videogenerator Sora-2 derzeit möglich ist. Um kurz zusammenzufassen: Die Qualität der KI-Videogeneratoren ist inzwischen so gut und die Rechenkapazitäten von OpenAI so groß, dass sie im Mainstream angekommen sind (im Moment per Invite, in Europa ist das Tool noch nicht freigeschaltet).
Auf der Skala zwischen “kurzem Hype” und “historischem Moment” würde ich das auf der geschichtsträchtigen Nur acht Jahre nach dem Transformer-Grundlagenpapier “Attention is all you need” ist qualitativ ordentliches “Text To Video” als skalierbare Massenanwendung ein richtig großer Schritt.
Und die Möglichkeit, meine Fantasie in Szenen, Sequenzen und irgendwann längere Videos zum Leben zu erwecken (oder “echte” Szenen oder entsprechend zu modifizieren), ist etwas, was wir noch vor zehn Jahren unter Science Fiction verbucht hätten. Die Phrase “Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt” ist hier wörtlich zu verstehen (abgesehen von Content-Beschränkungen von Anbietern wie OpenAI, die aber bei Open-Weight-Modellen keine Rolle mehr spielen dürften).
Wären die Produktionsmittel nicht alle in der Hand von wenigen Firmen, könnte man von ihrer fortgesetzten Demokratisierung sprechen. Zumindest aber kann jede/r nun Video-Creator werden.
Zugleich hat das Ganze natürlich etwas ziemlich Banales. Die Sora-App ist ein TikTok-Klon, die ihrem Vorbild in Logik, Ästhetik und Shareability folgt. Das Prinzip des unendlichen Contents, mechanisiert und personalisiert über ein Netzwerk ausgerollt. Also das, was Meta gerne anbieten würde, aber was dem Konzern offenbar mit seiner ebenfalls neuen Vibes-App nicht gelingt. Und doch erscheint das alles wie ein logischer Evolutionsschritt, nachdem Netzwerke wie Facebook längst voller des KI-Fotoslop sind.
Vielleicht auch wegen dieser Banalität tragen die Technologie und ihre Anwendung etwas vom “Wir amüsieren uns zu Tode” in sich, der Bildschirmmedien-Diagnose von Neil Postman. Ein weiterer freiwilliger Rückzug an der Demarkationslinie im Kampf zwischen dem Streben nach epistemischem Realitätskonsens aus der Gutenberg-Zivilisation und der personalisierter Hyperrealität des vernetzten Digitalzeitalters (vgl. Ausgabe August 2022).
In Ausgabe #41 schrieb ich im März 2023 zu KI-Chatbots:
“Was aber passieren könnte, wenn diese Chatbots ein Erfolg und wichtiger Faktor unseres Soziallebens würden: Wirklich menschlicher Kontakt könnte “teurer” werden - im Sinne von “seltener”, “ungewöhnlicher”, “mit höherem Aufwand verbunden”.
Die digitale-vermittelte Unterhaltungswelt unserer Gegenwart wäre damit die Vorstufe einer digitalen Welt in einem Sinne, der so bis vor kurzem noch nicht absehbar war: Nicht nur software-vermittelt, sondern synthetisch. Nicht zwischenmenschlich, sondern mensch-maschinell. Ein Metaverse, das ohne Virtual Reality auskommt. Und in dem die Frage “echt oder falsch?” noch einmal mehr von unserer persönlichen und gesellschaftlichen Bandbreite in Anspruch nimmt, als sie es jetzt schon tut.”
So könnte es nun kommen, denn ob der Versuch, synthetische Videos durch Wasserzeichen und/oder eine eigene App-Welt quasi in einer Sandbox zu zeigen, funktioniert schon jetzt nicht mehr (Wasserzeichen-Entfernungssoftware wird stark nachgefragt).
Das alles wird nicht zu Stabilität beitragen, eine weitestgehend gemeinsame Realität ist die Basis für eine Gesellschaft, die nicht nur als Ansammlungen von Individuen existiert. Und das ist es vielleicht, was eine Software wie Sora fremd wirken lässt: Das Bewusstsein, dass das Synthetische für uns bald nicht nur normal sein wird, sondern einen großen Teil unserer Bildschirmzeit ausmachen könnte.
Wir spüren darin den Verlust von Wertschätzung für Aufwand, Mühe und auch von den menschlichen Geschichten hinter kreativer Arbeit. Die “überwältigend negative und demoralisierende Kraft”, die manch Kreativschaffender KI im eigenen Arbeitskontext zuschreibt, ist somit auch für den Konsumenten erahnbar. Zumindest bis die Gewöhnungseffekte einsetzen.
Chatkontrolle: Who did it?
Die Chatkontrolle ist - vorerst - gestoppt, auch wenn sich die Frage stellt, was technisch der Unterschied zwischen einer “anlasslosen” (möchte Schwarz-Rot vorerst nicht) und einer anlassgebundenen Chatkontrolle sein soll, die ja ebenfalls den Einbau der entsprechenden CSAM-Detektionssoftware erfordern würde. Wir werden sehen, was hier am Ende aus dem Bundesinnenministerium kommt.
Fast interessanter finde ich die relativ undurchsichtige Genese, wie der Meinungsumschwung innerhalb der Unionsfraktion zustande kam. Innerhalb von wenigen Tagen fanden sich 100.000, inzwischen 350.000 Unterschriften unter der Petition “Chatkontrolle stoppen” aus der digitalen Zivilgesellschaft. Unionsabgeordnete erhielten einen Berg von - nach eigener Aussage teils automatisch generierten - E-Mails. Die AfD machte Druck. Grüne und Linke auch.
Die vorläufige Absage an die Chatkontrolle verbuchen nun sowohl digitale Zivilgesellschaft, als auch AfD für sich. Ich persönlich glaube zwar, dass die Union ein mögliches Uploadfilter-Protestszenario durchaus ernstgenommen hat; aber die Aussicht, von der AfD (wie schon zu Corona-Zeiten) als übergriffige Überwachungspartei dargestellt zu werden, dürfte aktuell abschreckender wirken.
Weiter rätselhaft ist für mich, wo die Viralität stattfand. Es gab bei TikTok ein paar relativ reichweitenstarke Videos - von “Herr Anwalt” oder der Linken-Politikerin Clara Bünger. Auf X.com wiederum gab es vor allem Traffic für Konten rund um das Schlagwort “Team Freiheit”, das ja irgendwo zwischen Rest-FDP, heimatlosen Libertären und dem Kulturkampf-Umfeld der AfD changiert. Dazu noch ein bisschen Patrick Breyer.
Bei den Akteuren der digitalen Zivilgesellschaft war mein Eindruck, dass man sich strategisch mit Video schwertut und Plattformen wie Bluesky oder LinkedIn nur wenig Wirkung über das eigene Milieu hinaus entfalten. Allerdings betrifft das nur den “Social-Media-Teil” der Kampagnen, die Petition selbst war ja ein Erfolg.
Das alles aber ist nur das öffentliche Bild, das sicherlich Lücken hat. Die Frage, wem nun die größte Mobilisierung gelang und wer aus welchem Dark-Social-Funnel in die Inbox oder auf die Unterschriftenliste der Petition gelangte, bleibt ungeklärt. Das ist schade, denn das Kräfteverhältnis bei diesem Thema ist nicht nur digitalpolitisch, sondern gesamtgesellschaftlich relevant.
Notizen
Aus Zeitgründen hier ein paar Themen, die sehr relevant sind, aber für die ich keine Zeit finde, etwas Längeres aufzuschreiben.
Bubble-Talk: Die Geldkreislauf-Deals zwischen OpenAI, Nvidia, ARM und auch Oracle lassen die Diskussion über die mögliche/sichere/vielleicht gar nicht so schlimme KI-Blase wieder lauter werden lassen (siehe Ausgabe #146). Vielleicht demnächst mehr dazu.
OpenAI und das nächste Windows: OpenAI hat eine ganze Reihe von Integrationen und Features festgestellt, die strategisch nichts anderes signalisieren, als dass man das Windows des KI-Zeitalters werden möchte. Die beste Analyse habe ich bei Ben Thompson gelesen. Und Casey Newton betrachtet die Netzwerkeffekte, die OpenAI erreichen möchte. (Beides leider Pay)
Apple und ICEBlock: Apple nimmt Apps aus seinem Store, die vor möglichen Razzien der US-Abschiebebehörde ICE warnen. John Gruber schreibt dazu (übersetztes Zitat):
“Die Entscheidung von Apple zeigt, dass Entwickler sich nicht darauf verlassen können, dass der App Store Apps vertreibt, gegen die jemand aus der Trump-Regierung „Einwände erheben könnte”. (…) Apple beruft sich häufig auf das Wort „Vertrauen“ als Grund für das App-Store-Modell. Aber ihre Behandlung von ICEBlock zeigt, dass sie nicht vertrauenswürdig sind, wenn es darum geht, Rückgrat zu zeigen angesichts Trumps Abstieg zum autoritären „verrückten König“, und damit auch die gesamte iOS-Plattform in Ländern wie den USA, wo der App Store die exklusive Vertriebsquelle bleibt.”
Peak Social Media?
Seit 2023 geht es abwärts, zumindest außerhalb Nordamerikas. Aus dem FT-Artikel, der derzeit herumgereicht wird.
Links
Über die globalen Proteste junger Menschen und den digitalen Kontext.
Elon Musk einigt sich mit Ex-Twitter-C-Suite.
Über die Internet-Shutdowns in Afghanistan.
Warum Bitcoin riskanter als Gold ist. (Paper)
Warum wir uns täuschen in den Absichten, die wir KI unterstellen. (Paper)
Warum Radiologen sich im Machine-Learning-Zeitalter weiterhin gut schlagen.
Ein Reboot für die Blogosphäre.
Niedergang der Demokratie: Macht bitte nicht die Algorithmen verantwortlich
Wird KI die Demokratie zerstören oder retten? Ja.
Tech-Akzelerationismus: Wer ist Nick Land? ($)
Wie Werbeanzeigen den Amazon-Echo ruinierten.
Das falsche Versprechen der “KI für sozial Gutes”. (€)
Kann KI durch Videos die Eigenschaften der physischen Welt verstehen?
KI vs. Superforecaster: Der Abstand wird kleiner.
Wenn Chatbots auf die Aufmerksamkeitsökonomie treffen.
Sind Zeichen von Produktivitätsgewinnen durch KI bereits sichtbar? ($)v
KI verändert das Bruttoinlandsprodukt nicht wirklich.
Computer, die Dinge wollen. (€)
Postalphabetisierung: Universitäten bieten Kurse an, damit Studenten das Lesen von Romanen lernen. (€)
Bis zur nächsten Ausgabe!
Johannes



