Aus dem Internet-Observatorium #00

Drei Aspekte der US-Wahl

Liebe Internet-Beobachtende,

die Bezeichnung “Nullnummer” für die erste Ausgabe dieses Newsletters ist keine Qualitätsangabe, denke ich. In “Aus dem Internet-Observatorium” bündele ich ab sofort regelmäßig Beobachtungen, Entwicklungen und Nachrichten mit Internet-Bezug und Digitalisierungsschwerpunkt.

Mein Angebot: Wer das hier liest, weiß auch jenseits der bekannten Schlagzeilen, was rund um Digitalisierung, Netzpolitik und Internet-Entwicklung los ist.

Das Ganze ist noch im Werden, ich freue mich über Hinweise, Kritik, Gedanken, Wünsche.

Und damit zu dieser Woche:

US-Wahl I: Das Internet als Wahlzentrum

Ich selbst habe mir in der Wahlnacht längere Zeit nur ausgewählte Twitter-Accounts gegönnt, aber ich bin bekanntermaßen ein Nomade…äh Genießer.

Unter dem Strich hat sich das Zentrum der US-Präsidentschaftswahlen natürlich noch einmal stärker ins Internet verlagert. Es würde schon länger niemand behaupten, dass Social Media der “Zweitbildschirm” neben dem TV ist. Aber Narrative, Meinungsbildung und Stimmungswellen nehmen sogar noch stärker als vor vier Jahren auf den Plattformen ihren Ausgang.

Aus kleinen Informationshappen entsteht rund um die Wahl manchmal ein größeres Bild, häufig Verwirrung und fast immer Adrenalin. Und mit Donald Trump steuert vor allem ein Mensch genau diese Adrenalin-Ausschüttung unter Anhängern wie Gegnern, also Abermillionen Menschen.

Sieht man sich die globale Wirkung an, haben wir es mit dem größten Aufmerksamkeits-Hack in der bisherigen Menschheitsgeschichte zu tun. Mehr noch: Ich glaube, wenn man eine Formel aus Weltbevölkerungszahl, unserem Echtzeit-Vernetzungsgrad und der herausgehobenen Rolle von US-Präsidenten anwenden würde, käme man schnell zum Ergebnis: Kein Mensch, der auf dem Angesicht dieser Erde gewandelt ist, hat von derart vielen Menschen Aufmerksamkeit erhalten wie Donald Trump.

Wenn Trump am 20. Januar mit dem Amt seinen besonderen Twitter-Schutz abgibt und er wenig später gesperrt wird, sollten wir uns daran erinnern.

US-Wahl II: So lief es mit der Desinformation

Von Trump zu Desinformation, der Übergang ist einfach. Twitter markierte seit der Wahl mehrere problematische Trump-Tweets und ging generell am härtesten vor, wenn auch überhaupt nicht lückenlos; Facebook war zurückhaltender und arbeitete jenseits der Empfehlungssteuerung vor allem mit Hinweisen auf offizielle Wahl-Seiten. Die Gruppe “Stop The Count” mit 300 000 Mitgliedern wurde wegen der Verbreitung von Falschnachrichten gelöscht. TikTok unterdrückte bestimmte Hashtags.

Insgesamt wird den beiden Plattformen attestiert, zumindest bei öffentlich zugänglichen Inhalten Falschnachrichten etwas eingedämmt zu haben, nicht zuletzt das finanziell lukrative Aufhetzer-Bait (falls sich noch jemand an das Facebook-Dorf Veles, Mazedonien 2016 erinnert). Wobei es an Falschbehauptungen nicht mangelte. Hinzu kommt, dass bei den Facebook-Marken die privaten Nachrichten und Gruppen schwer zu analysieren sind.

Als Problemfall entpuppte sich Youtube, das Kanäle gewähren ließ, die mit falschen Ergebnisverkündungen Tausende Nutzer in ihren Live-Stream lockten und auch sonst das Versprechen nicht halten konnte, keine Anlaufstelle für bösartigen Wahlabend-Murks zu sein.

Was war sonst? Eine Auswahl zur Desinformation rund um die Wahl:

  • Die Analysefirma Zignal Labs hat in der Wahlnacht in sozialen Medien und Nachrichtenseiten das hier gemessen: 125 000 Postings suggerierten einen Sieg für Trump, 55 000 voreilig einen Sieg für Biden. Schlagworte rund um das “Stehlen” der Wahl hatten 415 000 Erwähnungen.

  • Unbekannte verwendeten WeChat, um chinesischstämmige Wähler zu demobilisieren.

  • Pennsylvania war ein Falschnachrichten-Hotspot am Wahltag.

  • Auch die Traditionsmethode Robocalls (automatische Anrufe) wurde verwendet, um Menschen einzureden, dass sie gerade nicht aus dem Haus dürfen. Robocalls sind in den USA eine regelmäßige Plage, schon ohne Manipulationsversuche. Ebenso E-Mail.

  • Weitere Desinformationsbeispiele hat die New York Times gesammelt.

US-Wahl III: Tech unter Biden

Was wird sich ändern? Ein kleiner Überblick:

  • Joe Biden hat sich wie die Republikaner für eine Änderung der Section 230 (weitestgehende Nicht-Haftung für nutzergenerierten Content) der Internet-Plattformen ausgesprochen. Die Gründe sind aber völlig unterschiedlich: Demokraten wollen wegen Desinformation und Hass mehr Moderation, die Republikaner wegen angeblicher Benachteiligung konservativer Positionen (das stimmt nicht) weniger Eingriffsrechte. Ich würde nicht darauf wetten, dass mehr als ein Überprüfungsgremium oder ähnliches passiert. 

  • Eine Zerschlagung oder andere kartellrechtliche Maßnahmen gelten als unwahrscheinlich, da es dafür keine Kongressmehrheit geben würde (allerdings hat sich das Trump’sche Justizministerium bereits den Deal vorgenommen, der die Google-Suche zum Standard auf Apples iOS-Geräten macht. Dieses Verfahren geht weiter).

  • Wichtig zu wissen: Vize-Kandidatin Kamala Harris war früher Oberstaatsanwältin in San Francisco und pflegt beste Beziehungen ins Silicon Valley.

  • Eine Trump-Präsidentschaft hätte eine weitere Einschränkung der H1B-Visa für ausländische Arbeitskräfte bedeutet. Biden wird die Programme sicher wieder hochfahren, da gerade Technologie-Firmen einen großen Fachkräfte-Bedarf haben. Tech-Firmen nutzen H1B-Visas, um über Subunternehmer billigere Entwickler vorwiegend aus Asien zu rekrutieren. Die müssen bei Jobverlust recht schnell wieder ausreisen und treten entsprechend bescheiden auf, im Gegenzug dürfen sie nach ein paar Jahren auf eine Green Card hoffen.  

  • Bonus-Info: Kleinere Firmen wie Etsy, Dropbox, Reddit und Pinterest überlegen, angesichts drohender Regulierung eine gemeinsame Lobbyorganisation zu gründen, um allzu starke Regulierung zu verhindern.

  • Im Handelsstreit mit China wird es interessant sein, ob Biden China weiterhin von der amerikanischen Halbleiterbranche abschneiden wird - das könnte Peking kurzfristig beim 5G-Ausbau Zeit kosten. Eine Ausweitung auf Komponenten für die Herstellung von Halbleiter-Komponenten würde China sogar mittelfristig technisch zurückwerfen. Das alles findet natürlich immer im Kontext von Gegenmaßnahmen und gegenseitigen Erwartungen statt.

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#Internet-Prominente: Kim Dotcom darf laut Gerichtsentscheidung an die USA ausgeliefert werden, kann aber vorher eine weitere Berufungsrunde einlegen. (BBC)

#Branche: Tech-Firmen werben Hollywood Spezialeffekte-Experten für AR- und VR-Projekte ab. Obwohl sich gerade VR derzeit eher im Hype-Tal befindet, zeigt sich. (WSJ)

#Digitalpolitik: Das Bundesjustizministerium hat einen Gesetzentwurf veröffentlicht, der Marktplätzen wie Ebay, Amazon oder Etsy bestimmte Transparenzpflichten gegenüber Nutzern auferlegt. Beispielsweise ob Preise automatisiert verändert werden, ob sie mit Händlern auf der Plattform bestimmte Verträge haben und der wichtigsten Parameter, die in Rankings einfließen. Das Gesetzeswerk setzt EU-Verbraucherrecht um und soll noch vor Weihnachten den Bundestag passieren. (Ministeriumsseite)

#OpenData: WHO, Unesco und UN-Menschenrechtsbeauftragter rufen auf, Open Science (also die Öffnung wissenschaftlicher Informationen und Daten für alle, speziell zum Zweck wissenschaftlicher Zusammenarbeit) zu unterstützen und haben dafür kommentierbare Vorschläge vorgelegt. (Unesco)

#KI: Der Papst hat Gläubige eingeladen, in diesem Monat für eine menschenzentrierte Nutzung von Roboter und Künstlicher Intelligenz zu beten. Also quasi für das Leitbild, das auch der KI-Enquete vorschwebt. Klingt skurril, ist es aber nicht: Der Vatikan hat in diesem Jahr Manager von IBM und Microsoft empfangen und den “römischen Aufruf für Ethik in der Künstlichen Intelligenz” verfasst. (Catholic News)

#Termine: Kommende Woche findet das 15. Internet Governance Forum statt, natürlich digital. Hauptthemen sind Internet- und Datenpolitik rund um die Corona-Pandemie, aber auch Normsetzung in der automatisierten Welt - also wie immer auch die Frage: Wer regelt was und wie und werden die Vereinten Nationen irgendwann einmal wieder digitalpolitisch relevant? (Heise - dort schreibt Monika Ermert, die mit Abstand größte deutsche IGF-Expertin im Journalismus)

#Temine: Die Friedrich-Ebert-Stiftung veranstaltet von 10. bis 26. November einen Online-Kongress zum “digitalen Kapitalismus” (und seinen Veränderungen in Corona-Zeiten).

Der nächste Newsletter dann mit kurzen Longread-Tipps und Tweets.

Vielen dank fürs Lesen,

Johannes